Stellungnahme des Vorstands des Kulturbeirats der Stadt Essen
Kulturbeirat der Stadt Essen
c/o Marcus Kalbitzer (stellvertr. Vorsitzender)

Essen, 23.7.2010
Erklärung des Vorstandes des Kulturbeirates der Stadt Essen
Mehr Phantasie: Die Stadt Essen braucht junge Kreative!
Der Kulturbeirat unterstützt die Forderung der engagierten jungen
Künstler, die das ehemalige DGB Haus besetzt hielten
Junge Künstler benötigen günstige und geeignete Räumlichkeiten, um darin arbeiten und
sich kreativ entfalten zu können. Der symbolische Akt der Hausbesetzung war für die Gruppe „Freiraum 2010“ nach einer langen Suche, die von etlichen negativ beschiedenen Anfragen und Anträgen für die Nutzung von leerstehenden Immobilien begleitet war, die Möglichkeit, die junge Kunst- und Kreativ-Szene mit ihren Anliegen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken. Die Gruppe hat deutlich gemacht, dass es ihr nicht um die Besetzung an sich, sondern um die Vermittlung einer dringenden Forderung nach preiswerten Atelierräumen geht.
Der Kulturbeirat steht seit Beginn der Aktion in Kontakt mit den jungen Künstlern und
versucht als Vermittler zu fungieren. Die Situation der Kunstszene ist in anderen Städten des Ruhrgebiets ebenfalls prekär und deshalb fordern wir nicht nur eine lokale, sondern auch eine regionale Beschäftigung mit diesem Sachverhalt.
Leerstehende städtische Gebäude finden sich in allen Städten des Ruhrgebiets. In Essen sind es beispielsweise die ehemalige Volkshochschule, das Berufskolleg in Holsterhausen,das Haus der Jugend (ehemaliges Jugendinformationszentrum) und demnächst auch das JZE an der Papestraße. Sie müssen kurzfristig zur Nutzung oder zumindest zur temporären Zwischennutzung für Künstler und Kreative freigegeben werden. Zudem ist eine Bedarfserhebung für bildende und darstellende Künstler sowie ein zielorientiertes Handlungskonzept von Seiten der Stadt Essen in diesem Bereich dringend erforderlich.
Immer wieder haben wir als Kulturbeirat in der Vergangenheit darauf hingewiesen und
Vorschläge gemacht, wie kulturelle Vielfalt zu fördern und ein spannendes Mit- und
Nebeneinander verschiedener kultureller Bereiche zu gewährleisten ist.
Essen hat in den zurückliegenden Jahrzehnten seinen kulturellen Schwerpunkt allerdings auf herausragende Spielstätten und Angebote im Bereich der Hochkultur gelegt. Diese haben überregionale Strahlkraft entwickelt, dabei aber den Großteil des Kulturetats in Anspruch genommen. Zukunftsorientierte Kulturpolitik (in Kooperation mit Sachgebieten wie Jugend, Bildung, Wirtschaft oder Stadtentwicklung) muss sich aber auch mit der nachwachsenden Künstlergeneration im Spannungsfeld zwischen bildender und darstellender Kunst,Populärkultur sowie Kreativwirtschaft auseinandersetzen und auch den Anspruch haben, finanzielle Mittel bereit zu stellen oder umzuverteilen, um eine lebendige, kulturelle und integrative Vielfalt zu gestalten.
Der Kulturbeirat hat bereits vor zwei Monaten in seiner Erklärung zur Haushaltssituation der Stadt Essen die kreative Umnutzung von Gebäuden, die Bereitstellung von Räumen für bildende und darstellende Künstler, Musiker u.a:und die Entwicklung von sogenannten Kreativquartieren gefordert. Dies sind allseits anerkannte Möglichkeiten, eine Stadt urban und zukunftsorientiert zu gestalten, sie attraktiv und interessant zu machen. Nur durch eine entsprechende Infrastruktur, geeignete Rahmenbedingungen und mit Unterstützung von Politik, Verwaltung und der Privatwirtschaft ist der Weggang künstlerisch und kreativ arbeitender Menschen zu stoppen und mittelfristig ein Umschwung im Schrumpfungsprozess der Stadt herbei zu führen. Essen benötigt dringend kulturell aktive, junge Menschen, um den Strukturwandel erfolgreich zu bewältigen und dem Motto der Kulturhauptstadt gerecht zu werden. Das schafft sie nicht allein über Philharmonie, Theater oder Museen. Deutsche Großstädte wie Hamburg, Berlin oder Köln sowie europäische Metropolen wie Barcelona oder London beziehen ihre Attraktivität vor allem aus dem kulturellen Leben jenseits der Hochkultur, das in den kreativen Vierteln, den Clubs und Bars, den Kneipen und Straßen, den Kinos und kleinen Theatern, dem Inhaber geführten Einzelhandel oder den Künstler-Kollektiven stattfindet. Sie alle erfüllen eine Stadt mit Leben, lassen sie pulsieren und interessant werden.
Der Kulturwert einer Stadt und die in ihr lebenden Kreativen sind somit auch zu einem
entscheidenden Standortfaktor geworden. Aber viel mehr als das sind Investitionen in junge Kunst und Kultur Investitionen in die Zukunft der Stadtgesellschaft.
Der Kulturbeirat der Stadt stellt seine Erfahrungen, Ideen und Anregungen in diesem
Prozess gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Marcus Kalbitzer für den Kulturbeirat der Stadt Essen.

 

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